Obwohl oder gerade weil es oft ein Tabuthema ist, werfen wir heute einen Blick auf das Thema Geburtsverletzungen.
Besonders interessant sind die Versprechungen Gewebsverletzungen mit
verschiedenen Methoden oder Hilfsmitteln vorbeugen zu können. Stimmt das denn? Was hilft wirklich? Lassen wir wissenschaftliche Fakten sprechen.
Welche Geburtsverletzungen gibt es überhaupt?
Was naheliegend ist und Du vermutlich schon weißt: Dein Gewebe wird unter der Geburt stark gedehnt. Ist die Dehnung zu stark, kommt es zu einem Riss. Übrigens stimmt es, dass eine schnelle Geburt Verletzungen begünstigt, da das Gewebe weniger Zeit hat langsam und schonungsvoll in die Dehnung zu gehen.
Dennoch wird die Dehnbarkeit und Reißfestigkeit des Gewebes maßgeblich von der individuellen, genetisch bedingten Bindegewebsstruktur beeinflusst. Neben der Genetik spielen jedoch auch der Geburtsverlauf, die Gebärposition und die Geschwindigkeit der Austreibungsphase eine entscheidende Rolle.
Dammriss: Der Damm (Perineum) liegt exakt zwischen Scheideneingang und After.
- Grad I: Betrifft nur die Haut des Damms und die Schleimhaut am Scheideneingang (keine Muskeln).
- Grad II: Betrifft die Haut und die Muskulatur des Damms, lässt den Anal-Schließmuskel jedoch intakt.
- Grad III: Reicht bis in den äußeren/inneren Anal-Schließmuskel (Sphinkter) und verletzt diesen teilweise oder vollständig.
- Grad IV: Betrifft den Damm, die Muskulatur, den Schließmuskel und die Schleimhaut des Enddarms (Rektumwand).
Ok, das klingt jetzt etwas furchteinflößend, aber hier gleich die Entwarnung – Grad III und Grad IV kommen nur bei etwa 1,5-3% der Spontangeburten vor!
Übrigens werden Dammschnitte nurmehr äußerst selten gemacht – bei etwa jeder 10. Frau und auch nur dann, wenn es notwendig ist z.B. wenn es dem Baby nicht mehr gut geht. In der Regel heilen Dammrisse schneller und besser als ein Schnitt.
Ein Dammschnitt wird nicht gerade Richtung After durchgeführt, sondern leicht nach links oder rechts, um den Schließmuskel des Afters zu schützen (Mediolaterale Episiotomie). Dort verlaufen mehr Nervenbahnen und Muskeln, daher braucht die Regeneration auch länger.
Scheiden-, Labien- & Klitorisvorhautriss:
Oberflächliche Schürfungen oder Risse der vaginalen Schleimhaut, der Schamlippen oder der feinen Haut rund um die Klitoris. Sie betreffen keine tiefere Muskulatur.
Dabei ist ein Riss im Bereich der Klitoris verständlicherweise besonders unangenehm, aber dazu gibt es zwei beruhigende Nachrichten – solche Verletzungen sind mit ca. 1-3% äußerst selten und die Regeneration verläuft sehr schnell und problemlos. Die sexuelle Funktion wird dabei nicht beeinträchtigt.
Zusammenfassend kann man sagen, dass Geburtsverletzungen zwar insgesamt häufig sind (etwa 80% der Erstgebärenden), aber es in 90% der Fälle nur leichte Verletzungen sind, die schnell und problemlos ausheilen.
Da diese Schleimhäute sehr gut durchblutet sind, brennen sie zwar in den ersten Tagen beim Toilettengang, heilen dafür aber meist rasch und spurlos wieder ab. (Quelle zum Nachlesen: Spektrum der Wissenschaft)
Kann Hypnobirthing oder mentale Vorbereitung Geburtsverletzungen verhindern?
Um es direkt zu sagen: Nein, Hypnose schützt nicht vor Geburtsverletzungen. Gewebeelastizität hängt von vielen Faktoren ab – Genetik, Gewebebeschaffenheit, Gebärposition, Kindesgröße und dem Verlauf der Austreibungsphase.
Aber:
- je entspannter Du während Deiner Geburt bist, desto entspannter ist Dein Gewebe und desto geringer ist die Neigung zu reißen.
- Zusätzlich ermöglicht Dir eine gute Vorbereitung Deinen Körper besser zu spüren und wie von selbst Deiner Intuition zu folgen.
Die Universität Bonn hat eine sehr interessante Studie über den Zusammenhang der mentalen Vorbereitung und dem Geburtsverlauf veröffentlicht.
Das Epi-No-Gerät: Bringt das wirklich was?
Das Epi-No ist ein aufblasbarer Silikonballon, mit dem das Dehnen des Beckenbodens vor der Geburt geübt werden kann. In der Fachwelt wird das Gerät jedoch kontrovers diskutiert:
Vorteile: Es gibt Frauen, die darüber berichten, dass sie weniger Angst vor dem
Dehnungsgefühl unter der Geburt haben.
Kritik & Risiken: Dass das Risiko eines Dammrisses klar reduziert ist, lässt sich in Studien nicht nachweisen. Zudem besteht bei unsachgemäßer Anwendung das Risiko von Mikrorissen im Gewebe, Infektionen oder vorzeitigen Wehen. (Nachzulesen in einer Australischen Studie mit 600 Schwangeren https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/27075782/)
Fazit aus therapeutischer Sicht: Wenn Du es gern verwenden möchtest halte bitte Rücksprache mit Deiner Hebamme oder einer Physiotherapeutin, die auf den Beckenboden spezialisiert ist.
Sanfte Alternative: die klassische Dammmassage ab der 34. Schwangerschaftswoche. Hier ist die Datenlage über die positiven Effekte eindeutig.
Die Damm-Massage
Wir alle haben schon davon gehört, aber die Hemmschwelle ist doch sehr hoch – die Damm-Massage.
Die Damm-Massage ist eine bewährte Methode zur Vorbereitung auf die Geburt. Durch das regelmäßige Massieren des Gewebes zwischen Vaginaleingang und After (dem Damm) wird die Haut elastischer, besser durchblutet und dehnbarer.
Eine groß angelegte Übersichtsarbeit der Cochrane Library belegt, dass regelmäßige Dammmassage ab der 34. Schwangerschaftswoche das Risiko für einen Dammschnitt bei Erstgebärenden spürbar senken kann.
Ein paar Fakten dazu:
- Wann? Ab der 34.Schwangerschaftswoche, ca. 3–4 Mal pro Woche für etwa 5–10 Minuten.
- Vorbereitung: Ein warmes Bad oder eine warme Kompresse lockert das Gewebe vorab auf. Hände vorher gründlich waschen.
- Das richtige Öl: Natürliche, pflanzliche Öle wie Mandelöl, Johanniskrautöl oder Jojobaöl. Fall Du empfindlich bist für Infektionen kannst Du auch spezielle Vaginalcremes wie Vagisan verwenden.
- Die Technik: Öl auf Daumen und Zeigefinger verteilen. Den Daumen etwa 2–3 cm in die Vagina einführen und das Gewebe u-förmig nach unten und zu den Seiten dehnend massieren, bis ein leichtes Dehnungsgefühl (kein Schmerz!) entsteht. Lass es Dir gern noch von Deiner Hebamme zeigen. Für die richtige Technik und Hygiene bietet die verständliche Anleitung des Universitätsspitals Zürich
einen medizinisch geprüften Leitfaden zur Anwendung zu Hause.
Die richtige Pflege: So heilen Narben & Gewebe nach der Geburt
Sollte es zu einer Verletzung gekommen sein, ist die Nachsorge entscheidend für eine rasche und schmerzarme Heilung. Aus pharmazeutischer Sicht haben sich folgende Maßnahmen bewährt:
- Die ersten Tage (Akutphase) Spülungen beim Toilettengang: Lauwarmes Wasser lindert das Brennen beim Wasserlassen. Also du gibst lauwarmes Wasser in ein Gefäß (Messbecher, Intimdusche) und lässt es während des Urinierens von vorne über die Vulva laufen. Das verdünnt den Urin sofort, nimmt das brennende Gefühl auf den frischen Verletzungen und reinigt das Gewebe absolut schmerzfrei, ganz ohne Reiben
- Kühlung: Binden mit kühlem Calendula-Sud oder spezielle Kühl-Pads mildern Schwellungen und können Schmerzen lindern.
- Entlastung: Viel liegen! Der Druck des Körpers auf den Beckenboden sollte in den ersten Tagen minimal gehalten werden. Deshalb – vollkommen egal, ob du Verletzungen hast oder nicht – halte unbedingt das Wochenbett ein, um Deinen Körper zu schönen und Deiner Psyche Zeit zu geben alles zu verarbeiten.
Narbenpflege für langfristige Gewebeelastizität
Sobald die Naht geschlossen und nicht mehr entzündet ist (meist nach 2 bis 3 Wochen), kannst Du aktiv die Narbenheilung unterstützen:
- Sanfte Massage: Massiere die Narbe sanft mit hochwertigen, pflanzlichen Ölen (z. B. Johanniskrautöl oder Mandelöl mit Rose) oder einer speziellen Narbensalbe.
- Elastizität fördern: Die Massage verhindert verklebtes Narbengewebe und sorgt dafür, dass der Beckenboden geschmeidig bleibt – wichtig auch für schmerzfreien Intimkontakt nach dem Wochenbett.
Fazit: Vertrau auf Dich und gib Deinem Körper Zeit
Wenn Du aus diesem Beitrag eine Sache mitnimmst, dann bitte diese: Geburtsverletzungen sind absolut kein Versagen! Auch wenn die Zahl von 80 % im ersten Moment erschreckend wirkt – in den allermeisten Fällen ist es halb so wild und Dein Intimbereich heilt wahnsinnig schnell wieder ab. Dein Körper ist genau dafür gemacht.
Mit ein bisschen sanfter Vorbereitung wie der Dammmassage, einer realistischen Erwartungshaltung und den richtigen Kniffen für die Pflege im Wochenbett verliert das Thema ganz schnell seinen Schrecken. Sei einfach lieb zu Dir selbst, gib Deinem Körper die Ruhe, die er braucht, und vertrau auf seine unglaubliche Kraft zur Regeneration. Du schaffst das!
Möchtest Du lernen, wie du Deinen Körper gezielt entspannst?
Möchtest Du lernen, wie Du Deinen Körper unter der Geburt gezielt entspannst?
Die Theorie zu kennen ist das eine – unter der Geburt automatisch in eine tiefe Entspannung zu finden, das andere. In meinen Geburtsvorbereitungskursen zeige ich Dir Schritt für Schritt, wie Du Ängste vor Schmerz und Verletzungen abbaust, einen inneren Ort des Wohlbefindens schaffst und Vertrauen in Deinen Körper gewinnst.
Ganz ohne Esoterik, sondern fundiert und praxiserprobt.
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Vielleicht fragst Du Dich jetzt auch, wie es nach der Abheilung mit dem Körpergefühl, der Sexualität oder dem Beckenboden aussieht. Da das sehr große Themen sind, habe ich ihnen einen eigenen Beitrag gewidmet:
👉 Lies hier: Vagina weiter, Sex & Inkontinenz nach der Geburt – 3 Tabu-Fragen ehrlich beantwortet